
Unsterblich!
Solo für eine unwirsche Frau
1D
60 min.
Wien, Winter 1814/15. Während sich in der Stadt die Kongressteilnehmer versammeln, um über die europäische Nachkriegsordnung zu verhandeln, führt eine Frau durch ihr Wachsfigurenkabinett. Keine gewöhnliche Frau, sondern die Witwe des Galeristen: Josephine Deym, geborene von Brunsvik. Sie ist erst Mitte 30, aber bereits vielfache Mutter, und sie kann auf eine leidenschaftliche Affäre mit dem berühmtesten Musiker der Stadt zurückblicken: Ludwig van Beethoven. Vielleicht war sie sogar Beethovens „Unsterbliche Geliebte“, der er 1812 einen legendären Liebesbrief schickte.
Und genau darum geht es in Josephines Monolog: um Unsterblichkeit. Um Genies und ihre Musen, um Musik, die für den Augenblick gemacht ist und noch Jahrhunderte später erklingt. Aber auch um die Wachsfiguren, die Josephines Mann so lebensnah gestaltet hat, dass sie von echten Menschen kaum zu unterscheiden sind. Deshalb war die Galerie einst eine Sensation, Bildungsinstitut und Peepshow in einem.
Aber jetzt ist Deym lange tot, der halbe Kontinent liegt in Trümmern, und Beethoven schreibt Propagandastücke für Könige und Fürsten. Anlass für Josephine, Resümee zu ziehen: Was bleibt von den Großen ihrer Zeit, von Machthabern und Künstlern? Was bleibt von den Menschen, die sich für sie opfern? Und was bleibt von den Frauen? Immerhin hat sie selbst sich von Beethoven getrennt – obwohl sie ihn liebte. Zu dieser Entscheidung steht sie, wenn auch unwirsch. Denn so ist sie, Josephine, unsterblich geworden. Sie lebt weiter: in Beethovens Briefen und in seiner Musik.
Ein Monolog über die Kunst und die Liebe. Über Frauen und Männer. Über unseren Blick auf Geschichte.
Uraufführung: 24.7.2020, Wanderbühne Theater Carnivore, Heidelberg; Regie: Florian Kaiser; Josephine: Kerstin Kiefer.
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Aus dem Programmheft der Uraufführung:
Wer zu Beginn des 19. Jahrhunderts am nördlichen Rand der Wiener Innenstadt den Donaukanal entlang flanierte, konnte das sogenannte Müller’sche Gebäude nicht übersehen. Mit seinen 80 Zimmern war es nicht nur ein außerordentlich großzügig dimensioniertes Stadthaus, sondern auch ästhetisch ansprechend gestaltet: Über die gesamte Hauptfront erstreckte sich eine Säulenvorhalle, im ersten Stock gab es einen offenen Laubengang. Von hier genoss man freie Sicht auf Prater und Augarten.
Weitere Zeugnisse von diesem „echt Römischen Geschmacke“, wie die Wiener Zeitung schrieb, fanden sich im Inneren des Gebäudes. Hier hatte der Hausherr, Graf Joseph Deym, unter dem Pseudonym Müller seine beliebte Kunstgalerie eingerichtet. Sie bestand aus lebensecht nachgestalteten Wachsfiguren bekannter Persönlichkeiten sowie aus Gipsabgüssen antiker Originale. Auf besonderes Publikumsinteresse stieß das „Kabinett der Grazien“, in dem Deym eine Reihe weibliche Akte zeigte.
Was hat diese Galerie mit ihrer ganz speziellen Mischung von Kunst und Sensation nun mit Ludwig van Beethoven zu tun? Tatsächlich ging Beethoven über Jahre hinweg im Müller’schen Gebäude ein und aus. Er gab nicht nur Deyms Ehefrau Josephine, geb. von Brunsvik, und deren Schwester Klavierunterricht, sondern führte hier zwischen 1799 und 1816 viele seiner Werke auf, manche von ihnen zum ersten Mal überhaupt: Streichquartette, Klaviersonaten, das Septett, Bläserstücke. Mit ihm kam die Creme de la Creme zeitgenössischer Musiker: der Geiger Schuppanzigh, der Cellist Kraft, der Hornist Stich, auch der durchreisende Virtuose Bridgetower gab sich die Ehre. Und gleich zu Beginn der Bekanntschaft ließ sich Beethoven – wie einst Mozart – vom Hausherrn breitschlagen, kleinere Kompositionen für dessen mechanische Musikinstrumente zu liefern.
Und noch etwas kam hinzu: die Liebe. Nach Deyms Tod Anfang 1804 entwickelte sich eine leidenschaftliche Beziehung zwischen seiner Witwe und dem Komponisten. Josephine war damals 25 (und damit 27 Jahre jünger als ihr verstorbener Mann!), aber bereits vierfache Mutter, Beethoven 33 Jahre alt. Einige seiner Briefe an sie wurden erst in den 1950er Jahren veröffentlicht; sie gehören zum Leidenschaftlichsten, was dieser impulsive Mensch zu Papier gebracht hat.
Dass die beiden kein Paar wurden, dürfte vor allem am Standesunterschied zwischen der aus Ungarn stammenden Gräfin und dem bürgerlichen Musiker vom Rhein gelegen haben. Den Lebensstandard einer Adligen konnte Beethoven trotz all seiner Erfolge nicht finanzieren. Von Josephines Verwandten wurde das Verhältnis daher argwöhnisch beäugt. Auch nach Ende der Affäre blieb der Umgang zwischen den beiden freundschaftlich, und möglicherweise handelt es sich bei Josephine ja um die legendäre „Unsterbliche Geliebte“, mit der Beethoven im Sommer 1812 eine Nacht verbrachte.
All dies ist bekannt und fester Bestandteil der Beethoven-Literatur. Mich hat gereizt, den Spieß einmal umzudrehen und den Blickwinkel Josephines einzunehmen. Nicht nur, um eine neue Sicht auf Beethoven und sein Schaffen zu bekommen, sondern weil diese Frau so verblüffend unkonventionelle Züge trägt. Sie war zwei Mal verheiratet, hatte acht Kinder von mindestens drei verschiedenen Männern, interessierte sich für die Reformpädagogik Pestalozzis und kannte keine Berührungsängste vor „schwierigen“ Künstlertypen wie Deym und Beethoven. Zumindest für Letzteren war sie Muse, Ansprechpartnerin, Inspirationsquell.
Bleibt die Frage, wer hier unsterblich ist: er, das „unsterbliche“ Genie – oder sie, die „Unsterbliche“ Geliebte? Vielleicht wissen Deyms Wachsfiguren eine Antwort.
Marcus Imbsweiler
