
Immerwahr
Ein Stück für eine Schauspielerin in 12 Rollen
1D – größere Besetzungen möglich
70 min
Zwei Frauen: Carla und Clara – die eine will ein Buch über die andere schreiben und hundert Jahre liegen zwischen ihnen. Als Carla versucht in Claras Haut zu schlüpfen, merkt sie jedoch schnell, dass sie dieser mutigen, willensstarken Frau, die an den Ansprüchen des Frau-Seins zu Beginn des 20. Jahrhunderts zerbricht, näher ist, als sie geglaubt hat. Beruf oder Karriere, Liebe und Gleichberechtigung sind damals wie heute ein brisantes Thema.
Um in Ruhe schreiben zu können, hat Carla sich ins Elternhaus zurückgezogen, und entdeckt neben ihrer Arbeit über Clara auch ihre eigene Vergangenheit. Carla und Clara werden zu einer Person im Hin und Her zwischen den Zeiten. Doch zugleich versinnbildlicht dieser Rollenwechsel auch die Anforderungen, die an eine Frau – heute wie damals – gestellt werden: Flexibilität, Belastbarkeit und Organisationstalent. „Der wesentliche Wert der Frau liegt in ihrer Gebärfähigkeit und in ihrem hauswirtschaftlichen Nutzen.“
Clara Immerwahr war die erste Doktorandin Breslaus, Chemikerin und die Frau von Fritz Haber, der im Ersten Weltkrieg den ersten Giftgaseinsatz koordinierte. Aus Protest dagegen, Menschen wie Ungeziefer zu behandeln, erschoss sie sich im Alter von 44 Jahren.
Ein ideen- und bilderreiches Stück über ein deutsches Frauenschicksal, dessen Tragik noch lange nachwirkt. Eine fantastische Herausforderung für eine Schauspielerin.
Uraufführung: 2006 Landestheater Coburg
Weitere Aufführungen u.a. in Verden, Wilhelmsdorf, Potsdam, Frankfurt/M.
Weitere Informationen zum Stück:
Clara Immerwahr war die erste promovierte Chemikerin Deutschlands – und sie war jüdischer Abstammung wie ihr Mann, der Chemiker Fritz Haber. Ihre Geschichte ist die eines doppelten Emanzipationsfehlschlags, einer zweifachen Zurückweisung. Denn Fritz‘ und Claras verzweifelte Bemühungen, als vollwertige Mitglieder der deutschen Gesellschaft anerkannt zu werden, zerstören ihre Ehe, statt sie einander näher zu bringen oder an einem Strang ziehen zu lassen. Letztlich scheitert Clara am Frauenbild ihrer Zeit – und dem ihres Mannes. Der kann mit ihren beruflichen Selbstverwirklichungswünschen so wenig anfangen wie das Vaterland. 1915 im Krieg dann, nachdem Fritz den ersten Gasangriff der Kriegsgeschichte geleitet hat, mit in seinem Institut entwickelten Kampfgas, schießt sie sich mit seiner Dienstwaffe ins Herz. Aus Protest? Vielleicht. Wohl eher ist es eine Tat aussichtsloser Verzweiflung, ausgeführt im Dunklen, in der Nacht, allein, ohne Publikum, und nur als solche eigentlich entschuldbar angesichts der Tatsache, dass Clara einen kleinen Sohn hat. Der hat sich dann im selben Alter wie seine Mutter ebenfalls das Leben genommen.
Fritz wiederum kämpft mit allen Mitteln um seine Anerkennung als wahrhafter Deutscher. Seine Ammoniaksynthese, für die er den Nobelpreis erhält, soll in erster Linie Deutschlands Versorgung mit Dünger und Schießpulver im Kriegsfall sichern, und auch seine Kampfgasentwicklung ist natürlich patriotisch motiviert. Alles für das Vaterland! „Integrierter“ als Fritz Haber kann man gar nicht sein. Zum Dank jagen ihn die Deutschen 1933 aus allen seinen Ämtern, und er stirbt wenig später, auf dem Weg ins Exil.
